Monitoring Luchs und Wolf: Bericht 2005 liegt vor


Der KORA Bericht „Monitoring der Raubtiere in der Schweiz 2005“ bringt eine detaillierte Übersicht über die Situation von Luchs und Wolf im Berichtsjahr. Beim Luchs ist das Bild durchzogen, beim Wolf wurde es inzwischen von der Realität überholt.

Der KORA-Monitoringbericht 2005 befasst sich ausschliesslich mit dem Luchs und dem Wolf. Dies obschon eine anderes Tier für das Ereignis des Jahres in Sachen Grossraubtiere gesorgt hatte: der Bär JJ2, der erste auf Schweizer Gebiet seit mehr als 80 Jahren. Darüber aber hat das Amt für Jagd und Fischerei Graubünden bereits einen ausführlichen Bericht vorgelegt (Download PDF) und auch im KORA-Jahresbericht 2005 wird darauf eingegangen.

 

Luchs: Unterschiedliche Trends

In der Schweiz leben zwei gut etablierte Luchspopulationen, eine im Jura und eine in den Alpen. Obwohl einige Beobachtungen aus dem Mittelland vorliegen, ist davon auszugehen, dass die beiden Populationen getrennt leben.


Abb. 1.2.2
:
Hinweise auf Luchspräsenz in der Schweiz, 2005: Die verschiedenen Farben kennzeichnen unterschiedliche Stufen der Verlässlichkeit. Rot sind „hard facts“ wie tot gefundene Tiere, Beobachtungen mit fotografischem Beleg oder eingefangene (Jung)luchse. Von ausgebildeten Personen bestätigte Meldungen wie Risse von Nutz- und Wildtieren oder Spuren sind blau markiert, alle unüberprüfbaren Hinweise, das heisst hauptsächlich Sichtbeobachtungen, grün. In ausschliesslich grün gepunkteten Gebieten dürfte es sich um ein bloss temporäres Auftreten einzelner Luchse handeln – falls sich der Beobachter nicht getäuscht hat.


Der Raum zwischen
Grimsel und Genfersee, das heisst das Kompartiment VI (K-VI, Nordwestalpen) gemäss Einteilung der Schweiz für das Grossraubtiermanagement, ist nach wie vor das Kerngebiet der Alpenpopulation. Knapp die Hälfte aller Luchsbeobachtungen kam 2005 aus diesem Kompartiment, das bloss einen Fünftel der Gesamtfläche der Alpenkompartimente ausmacht.

Vom Vorkommen, das in den Jahren 2001 und 2003 im Rahmen des Projekts LUNO in der Nordostschweiz (K-II) durch Umsiedlungen begründet wurde, konnten im Spätwinter 2005 bloss noch vier Tiere nachgewiesen werden: zwei aus der Gründergeneration und zwei im Gebiet geborene Tiere. Hinzu kam die Luchsin Aika, die nie Anschluss an die Population fand und isoliert auf Glarner Boden im Kompartiment IV, Zentralschweiz-Ost, lebt. (Dem Zustand der LUNO-Population widmet sich ein spezielles Monitoring, das hauptsächlich auf dem intensiven Einsatz von Fotofallen beruht. Über die Ergebnisse aus den Erhebungen im Winter 2004/2005 bzw. 2005/2006 informieren die KORA-Berichte 31 und 34: www.kora.ch > Publikationen > Berichte oder KORA-News vom 14.8.2006).

Die Bestandestrends im Alpenraum sind nach Einschätzung der Wildhüter mehrheitlich stabil bei tiefen Dichten. Im Wallis war der Trend negativ. Die Hinweise im Kanton Graubünden waren stark rückläufig, aus dem Prättigau blieben sie 2005 gänzlich aus, und auch im Tessin gab der Luchs – wie bereits 2004 – keine Lebenszeichen mehr von sich. Die Ausbreitung der Population süd- und ostwärts, die sich in den vorangehenden Jahren angedeutet hatte, ist anscheinend eine Episode geblieben.

Hinweise für Fortpflanzung fanden sich bloss in den Nordwestalpen, in der gut überwachten Ostschweizer Population, in der westlichen Zentralschweiz und im Wallis.

Präzise Daten über die Populationsentwicklung gibt es aus Gebieten, in denen ein intensives Fotofallen-Monitoring durchgeführt wird. In einem 550 km² grossen Untersuchungsgebiet im westlichen Berner Oberland wird dies seit 1998 im Zweijahresrhythmus getan. Das Gebiet umfasst das Simmental mit allen Seitentälern sowie den östlichen Teil des Saanenlandes. Die erste Erhebung im Jahr 1998 hatte einen geschätzten Bestand von 23 ± 7 selbstständigen Luchsen ergeben (das heisst ohne die von der Mutter begleiteten Jungtiere). Im Winter 2001/2002 waren es dann bloss noch 12 ± 2. Illegale Tötungen, der Einfang einzelner Tiere zwecks Umsiedlung in die Nordostschweiz, legale Abschüsse von Verursachern untragbarer Schäden an Kleinvieh sowie der Rückgang der Rehpopulation hatten den Rückgang um die Jahrhundertwende ausgelöst. Danach stieg die Zahl der im Gebiet ansässigen Luchse wieder langsam aber stetig an. Die Erhebung im Winter 2005/2006 erbrachte einen Bestand von 15 bis 19 adulten und subadulten Individuen, die Besiedlungsdichte erreichte den Wert von 1,53 ± 0,22 Tieren pro 100 km² (Da die erfassten Tiere zum Teil auch Flächen ausserhalb des Untersuchungsgebiets nutzen, muss dieses zur Dichteberechnung um eine Pufferzone von insgesamt etwa der gleichen Grösse erweitert werden.) 

Trotz der beobachteten Zunahme ist das westliche Berner Oberland immer noch dünner besiedelt als vor dem Bestandeseinbruch um die Jahrhundertwende. Ende der 1990er-Jahre hatten die Daten aus der Überwachung sendermarkierter Luchse eine Besiedlungsdichte von 1,9 bis 2,1 Tieren/100 km² ergeben.

Abb. 1.6.1.4: Entwicklung des Luchsbestandes im 550 km² grossen Referenzgebiet im westlichen Berner Oberland (Säulen: fotografierte selbständige Luchse; Punkte mit Standardfehler: Fang-Wiederfang-Schätzung).

Hinweise auf eine ansteigende Luchspopulation ergaben sich in jüngster Zeit auch in Teilen der Freiburger und Waadtländer Alpen. Aus diesem Grund schloss das Fotofallen-Monitoring im Winter 2005/2006 auch das Pays d’Enhaut VD, die Haute Gruyère FR sowie die Waadtländer Voralpen zwischen Aigle und Vevey ein.
 

Abb. 1.6.1.9: Positive (schwarze Punkte) und negative (weiss) Fotofallen-Standorte des Monitorings 2005/2006 im erweiterten Untersuchungsgebiet der Nordwestalpen. Die rote Linie markiert den äusseren Rand der Pufferzone um das 965 km² grosse Untersuchungsgebiet.

Im gesamten 1940 km² Schätzgebiet zwischen Thuner- und Genfersee – dem westlichen Teil des Kompartiments VI (Nordwestalpen) – lag der Luchsbestand im vergangenen Winter bei 28 ± 3,5 selbstständigen Individuen. Das entspricht einer Besiedlungsdichte von 1,44 ± 0,18 Luchsen pro 100 km² inklusive Pufferzone.

Auch im östlichen Berner Oberland (östlicher Teil von K-VI) sowie in Gebieten der Kantone Obwalden, Nidwalden und Luzern (K-III, Zentralschweiz West) waren im vergangenen Winter Fotofallen installiert. Der hochgerechnete Bestand im 1350 km² grossen Schätzgebiet liegt bei 14 ± 1,4 Luchsen, was einer Besiedlungsdichte von 1,04 ± 0,14/100 km² entspricht. Es scheint, dass der Bestand sich auch hier zurzeit eher aufwärts entwickelt.

Im Jura deuten die Daten insgesamt auf eine leichte Zunahme der Population hin. Mehr als ein Drittel der gemeldeten Beobachtungen, von denen indessen weitaus die meisten nicht überprüfbar waren, stammen aus dem Kanton Solothurn. Fortpflanzungsnachweise gab es im Solothurner, Neuenburger und Waadtländer Jura.

Nur etwa ein Drittel des Lebensraums der Jurapopulation liegt in der Schweiz. Um ein vollständiges Bild von ihrem Status zu erhalten, muss man auch die Monitoringdaten aus Frankreich mit berücksichtigen. Informationen dazu werden vom Office national de la chasse et de la faune sauvage im Bulletin d’information du Réseau Lynx veröffentlicht (zu beziehen beim ONCFS; rezo.lynx(at)oncfs.gouv.fr).

Die gemeldeten Schäden an Nutztieren sind landesweit nochmals stark zurückgegangen. Sie lagen 2005 auf dem tiefsten Niveau seit 1994. Dies obwohl ein Kuder (M37), der in den Vorjahren im Berner Oberland nachweislich Schafe gerissen hatte, immer noch am Leben ist. Im Jahr 2000 hatten die Schäden mit 234 gerissenen Tieren im ganzen Land ein Maximum erreicht, seither sind sie rückläufig. Im Berichtsjahr wurden 35 Schafe und eine Ziege vergütet, davon 23 im Kompartiment VI Nordwestalpen. 11 Luchsrisse waren im Jura zu verzeichnen, in zehn Fällen bewiesen Fotofallen die Täterschaft eines einzelnen Tiers (B69).

 

Wolf: Anzeichen für Expansion nordwärts

2005 wurden mindestens vier verschiedene Wölfe in der Schweiz nachgewiesen, davon waren drei schon bekannt: die Wölfin im Simplongebiet, die sich 2002 erstmals bemerkbar gemacht hatte, der ebenfalls seit 2002 anwesende Rüde in der Surselva GR, der ein Jahr später eingewanderte Wolf in der Leventina und im Val Bedretto TI. Im Dezember 2005 kam dann der vierte hinzu: Auf der Passstrasse des Juliers GR fotografierte ein Automobilist mit seinem Handy einen Wolf. In der Folge wurde auch in anderen Gegenden des Engadins verschiedentlich ein Wolf oder eine Wolfsspur im Schnee gesichtet. Ein genetischer Nachweis gelang nicht, doch das Foto zeigt eindeutig einen Wolf.

Ausser der Simplonwölfin waren bis Ende 2005 alle in neuerer Zeit in der Schweiz nachgewiesenen Wölfe Rüden, und die sicheren Belege beschränkten sich auf die südlichen Teile der hiesigen Alpen. Das hat sich inzwischen geändert: Im Herbst 2006 wurden im Wallis innert kurzer Zeit zwei Wölfinnen festgestellt (siehe KORA News vom 11.10., 13.10., 27.10. und 24.1.2006). Und die Ausbreitungsfront verschob sich in die Nordalpen, wovon die Nachweise im Berner Oberland – in Gsteigwiler (KORA News vom 24.3.2006) und in Pohlern (KORA News vom 12.12.2006) – sowie in Bayern zeugen. In diesem Zusammenhang erscheinen mehrere unbestätigte Beobachtungen aus den Vorjahren in einem neuen Licht. Auch 2005 wurden solche gemacht, sowohl in den Nordalpen (Kantone Waadt, Freiburg, Uri) wie auch im Jura (Kantone Solothurn, Bern, Neuenburg und Waadt).

 

KORA Bericht Nr. 35: Monitoring der Raubtiere in der Schweiz 2005. Zimmermann, F., Weber, J.-M., Molinari-Jobin, A., Ryser, A., von Wattenwyl, K., Siegenthaler, A., Molinari, P., Angst, C., Breitenmoser-Würsten, C., Capt, S., Breitenmoser, U., 2006.
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18.12.2006 15:30:30