Bär bei Zernez beobachtet


Mehrere Personen, darunter ein Engadiner Jäger, beobachteten am Sonntagabend einen Bären im Raum Zernez, an der Grenze zum Schweizerischen Nationalpark. Im Spöltal sei das Tier von den Legföhren an der Waldgrenze bis auf eine Höhe von über 2800 Metern gestiegen. Danach habe der Bär in ein Seitental gewechselt, teilte das Bündner Amt für Jagd und Fischerei gestern mit.

Das Tier gesichtet hatte unter anderen Jäger Fadri Gottschalk aus Zernez, der den Wildhüter des Dorfes, Guolf Denoth, verständigte. Als Denoth im Seitental eintraf, hatte sich der Bär bereits aus dem Staub gemacht. Doch fand Denoth den Abdruck einer Tatze im Schnee und fotografierte die Spur.

Gestern stiess die Wildhut zunächst auf keine weitere Spuren. Aufgrund der Abdrücke dürfte es sich, wie der Bündner Jagdinspektor Georg Brosi auf Anfrage erklärte, um ein ausgewachsenes Tier handeln.

Die Wildhut versucht nun, Haare und Kot zu finden, um den Bären mit DNA-Analysen zu identifizieren. Zusammen mit den Landwirten und Alpbewirtschaftern wollen die Behörden auch Massnahmen zum Schutz der Nutztiere ergreifen.

Der Einwanderer stammt vermutlich aus dem norditalienischen Trentino, wo sich Bären im Rahmen eines Wiederansiedlungsprojektes vermehren. Rund ein Dutzend Jungtiere im Alter von ein bis zwei Jahren soll es geben. Deshalb wurde in Graubünden seit Wochen mit der Rückkehr des Grossraubtieres gerechnet.

Erst an Pfingsten wurde in der Nähe des Stilfserjochs, zwei Kilometer von der Schweizer Grenze entfernt, ein Bär beobachtet. Das Tier bewegte sich im Gelände auf der Südseite des Münstertales, oberhalb der italienischen Ortschaft Trafoi.

Ende Juli 2005 war der Bär erstmals seit 1923 wieder in die Schweiz zurückgekehrt. Zwei Monate hielt sich das Jungtier, von Wissenschaftlern «JJ2» genannt, im Münstertal und Engadin auf und riss in dieser Zeit eine Reihe von Schafen. Seine Spur verlor sich Ende September im Unterengadin. Seither ist es verschwunden.

Mit seiner Tendenz, Siedlungsgebiete aufzusuchen, schlug «JJ2» seiner Mutter Jurka nach. Der «Servizio Foreste e Fauna» der Provinz Trient hat im April beim italienischen Umweltministerium ein Gesuch eingereicht, um Jurka aus der freien Wildbahn zu entfernen.

Bei dem am Sonntag gesichteten Bären dürfte es sich um ein scheueres Tier handeln. Der Bär sei vor den Leuten geflohen, sobald er sie bemerkt habe, sagte Brosi.

Die aktuelle Einwanderung des Bären trifft die Schweiz nicht mehr unvorbereitet wie vor zwei Jahren. Seit Juli letzten Jahres liegt ein Konzept für den Umgang mit den Grossraubtieren vor. Die Behörden von Bund und Kantonen gehen davon aus, dass Bären in der Schweiz leben können, solange sie keine Menschen gefährden.

Das Konzept klassifiziert drei Typen von Grossraubtieren: den unauffälligen Bären, den Problembären und den Risikobären. Letzterer zeigt keine Scheu vor Menschen und wird geschossen, so wie Bruno oder «JJ1», der Ende Juni 2006 nach wochenlanger Hatz in Bayern erlegt wurde.

(sda/ap)


© G. Denoth, Amt für Jagd und Fischerei, Kt. Graubünden

 

 

 

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05.06.2007 08:00:00