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Wie hat sich die Einstellung der Schweizer Bevölkerung zum Wolf über die Jahre verändert?

Zwei landesweite Umfragen aus den Jahren 2015 und 2023 zeigen: Obwohl sowohl die Verbreitung als auch die Anzahl der Wölfe in der Schweiz stark zugenommen haben, blieb die Einstellung der Bevölkerung gegenüber dem Wolf insgesamt erstaunlich stabil – sie entwickelte sich sogar leicht positiv. Gleichzeitig werden deutliche regionale Unterschiede sichtbar, die sich mehr durch soziokulturelle Unterschiede, als durch die tatsächliche Präsenz des Wolfs erklären lassen.

Die Universität Zürich führte in den Jahren 2015 und 2023 zwei grosse, landesweite Umfragen in der Schweizer Bevölkerung durch, die zweite in Zusammenarbeit mit KORA. Die erste Umfrage fand 2015 statt, nachdem sich 2012 das erste Wolfsrudel angesiedelt hatte. Die zweite folgte 2023, als sich der Wolf bereits in fast der ganzen Schweiz verbreitet hatte und die Population auf rund 30 Rudel angewachsen war.

Landesweite stabile Akzeptanz 
Die Hauptfrage lautete, wie sich die Einstellung der Menschen in dieser Zeit der Ausbreitung des Wolfs verändert hat. Die Resultate zeigen Erstaunliches: Die Einstellung der Bevölkerung blieb trotz wachsender Wolfspopulation stabil. Der Anteil der Befragten, die klar gegen Wölfe waren, sank zwischen 2015 und 2023 von 37,5 % (±1,7 %) auf 31,8 % (±1,2 %), teilweise zugunsten einer gemässigteren Ablehnung. Das Verhältnis zwischen Befürwortenden der Wölfe und Ablehnenden blieb insgesamt nahezu ausgeglichen. Die Meinungen blieben aber stark polarisiert. In beiden Jahren wählten rund zwei Drittel der Befragten eine der beiden extremen Antworten: entweder für oder gegen Wölfe.

Zwischen 2015 und 2023 blieb die Einstellung der Schweizer Bevölkerung zum Wolf stark polarisiert, wurde insgesamt aber trotz Wolfsausbreitung leicht positiver. [Die Fehlerbalken zeigen 95-%-Konfidenzintervalle für den Anteil der Befragten, die die jeweilige Antwort gewählt haben. Die Anzahl gültiger Antworten pro Jahr ist 2015: n = 3142; 2023: n = 5917. Die Intervalle betragen ±0,6 bis ±1,7 Prozentpunkte (2015: ±0,8 bis ±1,7; 2023: ±0,6 bis ±1,2). Sie bilden den zufälligen Stichprobenfehler ab und berücksichtigen nicht die räumlich ausgeglichene Verteilung der Umfrage, in der Antworten aus dünn besiedelten Gebieten in Hinsicht auf die Schweizer Gesamtbevölkerung überrepräsentiert sind.]

Regionale Unterschiede in der Akzeptanz
Was ebenfalls ersichtlich ist, sind regionale Unterschiede. So sind Menschen im Flachland und in urbaneren Gebieten generell eher positiv eingestellt und die Bevölkerung in Bergregionen und in ländlichen Gebieten eher negativ. Dieses Muster ist sowohl 2015 als auch 2023 feststellbar. Dagegen spielten Faktoren wie die Distanz zwischen Wölfen und dem eigenen Wohnort, seit wie vielen Jahren es Wölfe in der Umgebung gibt, oder die Anzahl Nutztierrisse in der Umgebung keine starke Rolle. Dies deutet daraufhin, dass die Einstellung zum Wolf in der Schweiz stärker durch regionale, historisch gewachsene soziokulturelle Unterschiede als durch den Wolf selbst geprägt wird. Statt um direkte Wolfskonflikte geht es bei der polarisierten Debatte oft um grundlegendere Gesellschaftskonflikte, wie zwischen mit Wohnorten verbundenen Werten und Traditionen.

Lokale Veränderungen in der Akzeptanz
Lokale Veränderungen in der Akzeptanz zwischen 2015 und 2023 folgten nicht dem Berg-Flachland-Muster, sondern traten positiv wie negativ verteilt über die Schweiz auf. Jedoch erwiesen sich keine der untersuchten Faktoren als signifikante Treiber von Akzeptanzveränderungen: weder eine Veränderung in der Distanz zwischen Wölfen und dem eigenen Wohnort, noch die Zeit mit Wölfen in der Umgebung, noch mehr Nutztierrisse waren für lokale Akzeptanzveränderungen verantwortlich. Jedoch sagte die räumliche Distanz zwischen den erhaltenen Antworten viel darüber aus, in welche Richtung sie sich verändert hatten: Je näher sich erhaltene Antworten geografisch waren, desto ähnlicher war auch die Richtung, in die sie sich verändert hatten. Dies könnte zeigen, dass Menschen stark von den vorhandenen Einstellungen in ihrem sozialen Umfeld beeinflusst werden. Dafür verantwortlich sein könnte beispielsweise die gemeinsame Kommunikation sowie lokale politische und mediale Einflüsse, oder auch andere geteilte, noch nicht untersuchte Faktoren.

Blick in die Zukunft
Die zweite Umfrage im Jahr 2023 wurde noch vor der Änderung der Jagdverordnung hin zu einer proaktiven abschussorientierten Wolfsregulierung durchgeführt. Seither hat sich viel verändert: 2/3 der Welpen bis zu ganze Rudel dürfen «präventiv» geschossen werden, und das werden sie auch. Inwiefern sich die Akzeptanz von Wölfen seither möglicherweise verändert hat, ist Teil der Untersuchungen einer weiteren Umfrage, die wir 2027/2028 durchführen werden. 

Die Resultate sind aus einer Zusammenarbeit zwischen der Universität Zürich und uns (im Projekt «Auswirkungen des letalen Managements») entstanden. Die Studie namens «Wolf recolonisation does not predict public acceptance» wurde im wissenschaftlichen Journal Biological Conservation publiziert und ist hier abrufbar.